Dienstag, 11. April 2017

Von kleinen Grafen mit sieben Pflaumenbäumen

Heute führt uns der Weg wieder zwei Stunden nördlich von Sibiu. Vorbei an alten Kolchosen, quer durch sanfte Hügel und durch Dörfer mit teilweise bunt getünchten Häusern. Der Erhalt und die Renovierung der wunderschönen alten Bausubstanz stellen die Kommunen und Bewohner vor große Herausforderungen. Viele Häuser zeigen Jahreszahlen: 1902, 1896, 1881, 1887. Baufällige aber teilweise noch bewohnte Ruinen und wunderschön renovierte Gebäude säumen dicht an dicht die Dörfer. Die Mitarbeiter der Caritas des Bezirks Alba Lulia haben dort seit drei Jahren ein Entwicklungshilfeprojekt gestartet. Wir spielen heute im sogenannten historischen, ungarisch geprägten Szeklerland.


Unsere Kontaktperson Bernadette Török erzählt mir, dass es umgangssprachlich auch Land der kleinen Grafen mit den sieben Pflaumenbäumen heißt. Quasi jede Ortschaft besitzt ein Schlösschen, ein größeres Landhaus oder eine Art Villa. Dort lebten früher wohlhabende Menschen, die Grafen genannt wurden. Doch war der Reichtum nicht übermäßig. Es reichte immer für ein Stück Land mit Platz für mindestens sieben Pflaumenbäume. Sie boten Arbeitsplätze für die Bevölkerung und so bildeten sich um diese Landsitze kleine Ortschaften.


Vom Glanz der Zeit zeugen die heutigen Spielorte. Die historischen Kulturhäuser dienen normalerweise Festen der Dorfbevölkerung und wurden erst in den letzten fünf Jahren vor dem Verfall nach dem Kommunismus (notdürftig) gerettet. Der Saal von Balauseri verfügt über eine Bühne, doch wir bauen ebenerdig vor den Stühlen auf. Wir wollen nahe bei den Menschen sein und zusammen mit ihnen unsere Vorführung gestalten. 65 Zuschauer aus verschiedensten ethnischen Gruppen (Szekler, Rumänen, Roma und Deutsche) begegnen sich heute bei unserer Show. 


Beeindruckend sind auch die bunten Gewänder der sogenannten traditionellen Roma.  „Die Romafamilien nahe Sibiu haben sich oft schon anderen Gepflogenheiten angepasst“ erklärt Adrian, unser Guide. „Ab von der Stadt ist das noch anders“. Frauen tragen lange, wallende Röcke und bunte Kopftücher, ihre Männer große Hüte und die Mädchen farbenfrohe Bänder in den langen Zöpfen. 


Eine tolle Atmosphäre entsteht und wir freuen uns über die begeisterten Reaktionen.






Umziehen, Abbauen, Koffer neu bestücken, Einpacken und schon geht es ab in den Bus. 10 Kilometer weiter befindet sich unser nächster Spielort: Fantanele.
Im Kommunismus war der Landstrich von starker Industrialisierung geprägt. Vom Bergbau zeugen riesige Kraftwerkkühltürme, die die historischen Orte weithin überragen. Doch die Energiegewinnung war nicht rentabel und so wurden die Konzerne in den 1990er Jahren geschlossen. 


Ein großes Problem so Bernadette: „Früher fanden auch ungebildete Menschen in der Industrie Arbeit. Bildung war nicht unbedingt nötig. Nun geht das nicht mehr.“  Doch die Menschen haben dafür teilweise noch kein Bewusstsein entwickelt. Die Menschen sind sehr arm. Die Kinder die in der Nachmittagsbetreuung von Psychologen, Pädagogen und Heilpädagogen betreut werden leiden an den teils desolaten Zuständen in denen sie leben.  Die Häuser in denen die Familien wohnen haben häufig nur eine Feuerstelle in der Mitte des Raumes. Die Auswirkungen des immerwährenden Rauches habe wohl die kognitive Entwicklung vieler Kinder gestört. Außerdem sei die Sozialisation und Integration in die Strukturen ein Problem.
Eng im Familienverbünden lebend - wollen viele Eltern ihre Kinder hier immer bei sich haben. Hier leben häufig noch alle Generationen auf engstem Raum zusammen. „In der Arbeit mit den Alten bemerken wir häufig, dass sich um Alle gekümmert wird.“ So schildert es mir Bernadette in einer kurzen Mittagspause. „Sie würden das letzte Essen das sie haben immer ihren Alten und Kindern geben". Es zeigt mir wieder einmal, dass man als Entwicklungshelfer nicht einfach kommen kann und sagen: Wir bieten etwas für die Kinder an. Wer versorgt dann die Alten, wenn die Eltern zur Arbeit müssen? Darum ist es wichtig sich immer den gesamten Kontext zu betrachten. Die Helfer vor Ort bieten deshalb umfassende Hilfe an. Es ist wirklich sehr beeindruckend und interessant mir von Bernadette über ihre Arbeit berichten zu lassen.


Die Schere zwischen arm und reich spiegelt sich in der Vorbildung der Kinder. So kommen diese mit sehr starken Entwicklungsunterschieden in die Schule. Die Lehrer können der individuellen Förderung nicht nachkommen und setzten häufig gleiche Standards für Alle an. So würden viele Kinder schon bald aus den Schulen ausscheiden. Durch die Lernhilfe am Nachmittag versuchen die Mitarbeiter diese Unterschiede zu verringern, aber Bernadette sagt auch, dass bei weitem nicht allen geholfen werden kann. Die Pause endet - wir machen uns wieder ans Vorbereiten.


Unsere Show beginnt: Leider wieder zu dritt, da Uta heute zum Arzt muss. Lautes Lachen und Klatschen begleitet unseren Einzug in den Theatersaal. Nicht selbstverständlich laut einer Pädagogin: „Diese 70 Kinder kommen aus fünf umliegenden Ortschaften. Sie haben teilweise noch nie eine Aufführung gesehen und wissen deshalb gar nicht, dass man klatscht. Das wollen wir heute üben.“ 
Kurzerhand üben die Pädagogen liebevoll vor Beginn mit dem Publikum das Klatschen.





Alleine die Fahrt mit dem Bus in das nächste Dorf sei für die Kinder ein sehr besonderes Erlebnis, da viele ihren Geburtsort noch nicht verlassen haben oder dies sehr selten tun. „Für manche Kinder die bis jetzt weiteste Reise ihres Lebens!“
„Für unsere Kinder war das heute wirklich ein ganz besonderer Tag!“  Ja das haben wir erleben dürfen! Es war wunderschön.


Erschöpft aber zufrieden treten wir den Rückweg an. Utas Arztbesuch ist gut verlaufen und wir freuen uns sehr, morgen wieder als komplettes Team zu reisen. Wir sitzen wieder lange vor dem Blog - es ist nicht einfach das Erlebte in Worte zu fassen.



Herzlichst Mia

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